Alles Wichtige zur reCampaign 2015: Vorträge, Workshops, Innovationen

Auch in diesem Jahr treffen sich rund 250 Campaigner und Campaignerinnen in der Heinrich Böll-Stiftung in Berlin zu ihrem jährlichen Klassentreffen. Rund ein Drittel der Besucher ist zum ersten Mal Gast bei der reCampaign. Wir sind auch vor Ort und berichten von ausgewählten Vorträgen und Workshops. Vorneweg möchten wir aber gleich mal ein großes Lob an die OrganisatorInnen der reCampaign aussprechen: Hervorragende Organisation der Veranstaltung, gute Auswahl der ReferentInnen und eine professionelle Moderation der Workshops. Danke dafür! Zu Beginn der Konferenz stellte Judith Orland von Oxfam die bedeutendsten Phänomene und Kampagnen des vergangenen Jahres vor: #ALSIceBucketChallenge #JeSuiusCharlie #varoufake sind die Stichworte.

Workshops und Vorträge:

wasik_recampaign
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Erfolgreich APPs einsetzen - Chit Chat that Matters: Messaging-Dienste und Mobile Technologien in der Kampagnenarbeit Ein Vortrag von Mathias Wasik, Amnesty International. Seit sechs Jahren ist Mathias Wasik bei Amnesty International in der deutschen Sektion für die digitale Kommunikation verantwortlich. In seinem Vortrag zeigte er anhand von vielen Beispielen, wie die Organisation digitale Maßnahmen zum Empowerment von Leuten einsetzt und ausprobiert.

Beispiel 1: Tinder Der Einsatz der Dating-App Tinder führte zu einem Überraschungseffekt: Amnesty benutzte als erste Organisation das Tool zur Kampagnenarbeit. Blogger berichteten über den Einsatz. Dadurch gab es nach Angaben von Mathias Wasik eine hohe mediale Aufmerksamkeit. Der Einsatz des Tools hatte eine Momentum: Tinder war in alle Munde. Nachteile waren allerdings, dass eine Weiterleitung von Tinder zur eigenen Kampagnenseite nicht möglich war, ein Training nicht möglich war und die Fundraising-Ziele nicht erreicht wurden. Mathias zog also eine eher durchwachsene Bilanz für den Einsatz des Tools.

Beispiel 2: WeeFree Die Kampagne wollte durch den Einsatz von kostenlosem WiFi Festivalbesucher für Kampagnenziele gewinnen. Vorteil: Sehr kurze Umsetzungszeit. Die Guerillamarketing-Aktion wurde ohne Genehmigung auf einem Festival durchgeführt und hat vor allem eine junge Zielgruppe angesprochen. Nachteil: Die Aktion wurde begleitet von technischen Problemen und einem zu schwachen W-LAN-Netz. Die Aktion wurde von vielen Teilnehmerinnen des Festivals als sehr positiv wahrgenommen. Die Aktion soll in Zukunft wiederholt werden - diesmal allerdings mit Genehmigungen.

Beispiel 3: Urgent Action App Diese Idee hat uns persönlich am besten gefallen. Die deutsche Sektion von Amnesty hat sich eine App bauen lassen, mit der sie einmal pro Woche die wichtigste Mitmachaktion an ihre Unterstützer pushen. Der Vorteil: Es gibt eine hundertprozentige Fokussierung auf einen Inhalt. Die Push-Funktionen auf dem Smart-Phone bringen laut Wasik, eine höchstmögliche Aufmerksamkeit. Die App hat schon sehr gute Ergebnisse eigespielt: 13.000 mal wurde die App installiert. Über 2.000 Unterstützer machen je Aussendung an den Aktionen mit. Das Fazit zur App: „Mit dem richtigen Ansatz und gutem Content können Apps für Non-Profit-Kampagnen funktionieren“, so Mathias Wasik.

Beispiel 4: Ranhalten für die Menschenrechte Amnesty hatte bei der Kampagnen-Aktion über 800 Buttons an ihre Ehrenamtlichen verteilt. Die Ehrenamtlichen haben auf der Straße rund 450 Unterschriften gesammelt. Eine schöne Aktion, die bei den freiwilligen Campaignern auf der Straße gut ankam, denn der Button verkleinert die Hürde der Ansprache und hilft so mit, leichter um Unterschriften zu bitten. Wie funktioniert es? In dem Buttons sitzt ein Chip. Wenn man sein Handy an den Button hält und die NFC-Funktion seines Handys aktiviert hat, dann wird man automatisch an die Kampagnen-Mikroseite ranhalten.de weitergeleitet, wo man sofort eine Petition ausfüllen kann. Nachteile: Viele Nutzer kennen die NFC-Funktion ihres Handys nicht und haben diese Funktion nicht aktiviert. Viele Jugendliche besitzen iPhones, die nicht über eine solche Funktion verfügen. Fazit: Spannend für den Einsatz auf der Straße, aber große technische Hürden (also nicht einfach ranhalten und fertig…). Amnesty ist mit den Zahlen nicht zufrieden, möchte aber weiter mit dem Tool experimentieren.

Kann man mit Facebook Die Politik beeinflussen? Und wenn Ja: Wie? Ein Workshop mit Martin Fuchs

fuchs_recampaign
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Immer mehr PolitikerInnen nutzen Social Media, im Bundestag haben über 95 Prozent der Abgeordneten mindestens ein Profil in den Sozialen Netzwerken. Zu Beginn ordnet Martin Fuchs Statistiken zu den Nutzerzahlen von PolitikerInnen auf Facebook. Wer nachvollziehen möchte, welche Partei oder welcher Politiker welche Fan- oder Followerzahlen auf Twitter oder Facebook aufweisen kann, der sollte auf pluragraph.de nachsehen. Dort sind die Aktivitäten von über 4.000 Nutzeraccounts von Parteien und Politikerinnen aufgeführt. Wie nutzen die Politprofis die Facebookpräsenz? Martin Fuchs stellt ernüchtert fest, dass die meisten Politiker Social Media (hier Facebook) hauptsächlich als Push-Kanal nutzen. Es entsteht kaum ein Dialog, die Politiker betreiben auch kein professionelles Monitoring ihrer Accounts. So wird keine Nähe zu Wählern aufgebaut, und damit eine große Chance vergeben. Was wollen die Politiker dann?

1.) Potentielle Wähler erreichen 2.) Netzwerk mit wichtigen Informationen versorgen 3.) Aufmerksamkeit auf relevante Themen lenken 4.) Politische Botschaften verbreiten 5.) Auf politische Erfolge aufmerksam machen

Die PolitikerInnen agieren also immer noch mehr als „Sender“ als als „Zuhörer“. Die Einschätzung von Martin Fuchs lautet dann auch folgerichtig, dass PolitikerInnen Protest via Social Media weniger Ernst nehmen als analoges Lobbying. Massenmails entfalten und hinterlassen keine große Wirkung, sondern landen im Spamordner der Abgeordneten. Politiker hassen Massenmails, so die Erfahrung von Martin Fuchs. Die Meinungsbildung erfolgt weiterhin schwerpunktmäßig über klassische Medien. Martin empfiehlt eine direkte und persönliche Ansprache von Politikerinnen. Kampagnen müssen offline aktivieren und klassische Medien ansprechen, damit sie Eindruck hinterlassen und Druck erzeugen. Da Politiker vornehmlich an ihre Wahlkreise denken und im Auge haben, sollten Kampagnen lokal verankert sein.

Kann man denn nun den Politiker mit Facebook beeinflussen? Die eindeutige Antwort von Martin: Jein!

Agenda Setting weltweit - Wie man von Wien aus eine Budgetkürzung im US-Kongress verhindert Ein Workshop mit Yussi Pick

Der Workshop mit Yussi Pick war gut besucht. Der Kampagnen- und Kommunikationsberater berichtete, mit charmantem Wiener-Akzent, von einer schlagkräftigen Grassroot-Initiative. Er beleuchtete anhand der Kampagne zum Thema „Fulbright“, wie man innerhalb von sehr kurzer Zeit ein Thema auf die Agenda von amerikanischen Kongressmitgliedern bringt - und gewinnt.

Die Campaigning-Academy hat Yussi Pick im Vorfeld der reCampaign zum Intervieweingeladen. Dort berichtet er über den wahrscheinlichen Wahlkampf von Hillary Clinton und gibt 5 Tipps, die helfen Kampagnen zu gewinnen.

Digitaler Investitionsstau - Sind wir fit für die Zukunft? Eine Podiumsdiskussion mit Marco Vollmar, WWF, Günter Metzges und Jule Axmann moderiert von Judith Orland, Oxfam

recampaign_runde
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Zum Abschluss des ersten Tags der reCampaign, moderierte Judith professionell durch die Diskussion rund um das Thema digitale Kampagnenarbeit. Die Leitfrage lautete, ob die Organisationen für die Zukunft des Online-Campaignings gut gerüstet sind. Wenig überraschend lautet die einmütige Meinung, dass man heute auf dem richtigen Weg sei und Online-Kampagnen eine deutlich größere Bedeutung in der Organisation zukomme, als noch vor wenigen Jahren. Dabei ist vor allem Günter Metzges von Campact wichtig zu erwähnen, dass eine Vernetzung von Online- und Offline-Aktivitäten im Campaigning heute sehr wichtig ist. „Durch unsere Online-Kampagnen kommen wir gleichzeitig wieder zum klassischen Campaigning auf der Straße“, stellte Metzges fest. Marco Vollmar gab sich durchaus kritisch: „Vielleicht hätten wir die letzten Jahre noch mehr in Online-Maßnahmen investieren sollen, aber eine Naturschutzorganisation sollte immer möglichst viele Spendengelder für den direkten Naturschutz investieren“. Immerhin gibt die Organisation laut Marco Vollmar  heuet drei bis fünf Mal mehr Geld aus für digitale Kampagnen und Maßnahmen, als noch vor ein paar Jahren. Marco Vollmar sieht, wie auch Günter Metzges, dass die Organisationen mit ihren großen Netzwerken auf Facebook, Twitter und beim Einsatz von riesigen E-Mail-Verteilern eine große Verantwortung dafür tragen, wie sie kommunizieren. „NGOs werden im digitalen Zeitalter selbst zum Medium. Das bringt Schlagkraft für die Organisationen, die man aber sorgfältig einsetzen muss“, so Vollmar . „Vielleicht brauchen wir in der Zukunft einen NGO-Kodex im Umgang mit den eigenen Medien“, ergänzt Günter Metzges.