Die große Gereiztheit - Bernhard Pörksen im Interview

 Bernhard Pörksen, Foto: Peter-Andreas Hassiepen

Bernhard Pörksen, Foto: Peter-Andreas Hassiepen

Terrorwarnungen, Gerüchte, Fake-News, Spektakel und Skandale in Echtzeit - Bernhard Pörksen beschreibt in seinem aktuellen Buch "Die grosse Gereiztheit" den kommunikativen Klimawandel. Er analysiert "die Erregungsmuster des digitalen Zeitalters und beschreibt das große Geschäft mit der Desinformation." Ein spannendes und empfehlenswertes Buch über Filter Bubble und Filter Clash! Für uns Anlass genug, um den Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen um ein Interview zu bitten. Anregung dazu bekamen wir beim Besuch der re:publica 18, wo Pörksen über die große Gereiztheit der venetzten Welt sprach.

 

1.       Sie diagnostizieren in unserer Gesellschaft einen Zustand gesteigerter Erregung. Waren wir früher wirklich gelassener – oder gelangte die Gereiztheit einfach nicht so leicht an die Öffentlichkeit?

Ich behaupte: Vernetzung verstört, weil die Gesamtgeistesverfassung der Menschheit auf einmal in den eigenen Kommunikationsradius hinein rückt und wir in neuartiger Unmittelbarkeit und Direktheit mit den unterschiedlichsten Bildern konfrontiert sind. Banales, Berührendes, Bestialisches – alles wird sofort sichtbar. Eben dieses barrierefreie Öffentlichwerden ist der entscheidende Treibstoff, der die große Gereiztheit provoziert.

 

"Es ist schwer und oft prinzipiell unmöglich, unter den herrschenden Informationsbedingungen zu entscheiden, was denn nun stimmt oder nicht."

 

2.    Wann wurde Ihnen zum ersten Mal bewusst, in welchem Maße das Netz unsere Welt verändert, die Machtverhältnisse neu sortiert?

Das lässt sich präzise datieren. Pfingsten 2010 schrieb ein Student der Medienwissenschaft, damals Hilfskraft in meiner Abteilung, an viele Zeitungen und Nachrichtenagenturen eine Mail, fasste über Twitter nach, publizierte Blogbeiträge. Worum ging es? Die Medien hätten, so meinte er, ein einigermaßen skandalöses Radiointerview des Bundespräsidenten Horst Köhler übersehen; hier rechtfertige dieser – grundgesetzwidrig – Wirtschaftskriege. Wir alle wissen: die Skandalisierung hatte Erfolg. Und bei mir in der Abteilung tauchten plötzlich Journalisten auf, die einen Studenten und Blogger suchten, von dem es hieß, er habe den Bundespräsidenten gestürzt. Das ist natürlich Unsinn. Netzwerkeeffekte lassen sich nicht personalisieren. Aber die Verschiebung der Machtverhältnisse ist mir an diesem Fall drastisch-dramatisch deutlich geworden. Auf einmal erreichten mich die Ausläufer einer Medienrevolution direkt im Büro.

 

3.       Brauchen wir schärfere Gesetz gegen Lüge und Hetze?

Nein, aber geltendes Recht muss umgesetzt werden. Und ganz generell: Mir missfällt die antiliberale Verengung auf juristische Fragen, die sich gegenwärtig in den Debatten über Hass und Propaganda beobachten lässt. Das Gesetz ist nur die letzte Möglichkeit, wenn ethisch-moralische Maßstäbe versagen. Nötig ist ein Wertegerüst für das öffentliche Sprechen. Mein Vorschlag: Da jeder heute jeder zum Sender geworden ist, sollte nun auch jeder lernen, als sein eigener Redakteur zu handeln, sich die Frage vorlegen: Was ist glaubwürdige, relevante, veröffentlichungsreife Information? Kurz und knapp: Wir müssen von der digitalen zur redaktionellen Gesellschaft werden. Das ist eine gewaltige Bildungsaufgabe.

 

4.       Wie schützen Sie sich davor, selbst in gereizte Stimmung zu geraten?

Meine Meditation ist die Lektüre, das Sich-Versenken in Texte. Ich merke: wenn ich ein paar Tage nicht lese, dann fehlt etwas. Die Erfahrung der tiefen Konzentration.

 

5.       Mal ehrlich: Sehnen Sie sich manchmal nach analogen Zeiten zurück?

Zum Glück nur in ganz schwachen Momenten. Denn Nostalgie offenbart doch eigentlich nur die eigene Phantasiearmut und Denkfaulheit im Blick auf die Gegenwart. Und in der Summe gilt: Die Tatsache, dass heute jeder eine Stimme hat, ist eine grandios gute Nachricht. Aber nun gilt es, den Zugewinn an Freiheit durch ein Mehr an Verantwortung einzuhegen.